Romantische Ökologien

!Aktuell! Siehe unten der Call for Applications für die Tagung „Wasser|Landschaften. Ökologien des Fluiden um 1800

Eine von der Allianz der Rhein-Main-Universitäten geförderte Initiative unter der Leitung von Prof. Dr. Roland Borgards (Neuere deutsche Literatur, GU Frankfurt), Prof. Dr. Frederike Middelhoff (Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Romantikforschung, GU Frankfurt), Prof. Dr. Barbara Thums (Neuere deutsche Literaturgeschichte, JGU Mainz)

Projektbeteiligte

Prof. Dr. Katharina Boehm, English Literature, GU Frankfurt

Prof. Dr. Ulrich Breuer, Neuere deutsche Literatur, JGU Mainz

Prof. Dr. Rainer Emig, English Literary and Cultural Studies, JGU Mainz

Prof. Dr. Mechthild Fend, Kunstgeschichte, GU Frankfurt

Prof. Dr. Evelyn Gius, Digital Philology und Neuere deutsche Literaturwissenschaft, TU Darmstadt

Dr. des. Paul Hamann-Rose, English Literature, GU Frankfurt

Prof. Dr. Claudia Lauer, Ältere deutsche Literatur, JGU Mainz

Prof. Dr. Immanuel Ott, Hochschule für Musik, JGU Mainz

Prof. Dr. Gregor Wedekind, Kunstgeschichte, JGU Mainz

Gegenstand des Vorhabens ist die romantische Auseinandersetzung mit ökologischen Fragestellungen. Analysiert werden dabei naturwissenschaftliche und literarische Texte aus dem Zeitraum zwischen 1790 und 1850, zudem exemplarische Werke der bildenden Künste und der Musik. Ausgehend von aktuellen Forschungsfragen der sogenannten Environmental Humanities soll dabei die Zeit um 1800 als entscheidende Epoche in einer Vor- und Frühgeschichte modernen ökologischen Denkens profiliert werden. Ziel ist darüber hinaus, die Verbindungen der Romantik zur Rhein-Main-Region nachzuzeichnen und hierbei v.a. die sich in der Romantik vertiefende Beschäftigung mit einer lokalen, die unmittelbare Umwelt fokussierenden und die menschlichen Kulturtätigkeiten berücksichtigenden Landschaftsökologie in den Blick zu nehmen. Beide Perspektiven – die romantischen Ökologien im Allgemeinen, die ökologisch reflektierte Rhein-Main-Romantik im Speziellen – sind wiederum darauf angelegt, der etablierten Romantikforschung innovative Impulse zu geben. Das Vorhaben zielt erstens darauf, die RMU als wichtigen deutschen Forschungsstandort für das emerging field der Environmental Humanities zu empfehlen. Es möchte zweitens dazu beitragen, die RMU als Zentrum der deutschsprachigen Romantikforschung ins Spiel zu bringen. Es verbindet drittens die Institute für Deutsche Literatur, Anglistik, Geographie, Ethnologie, Kunstgeschichte und Altertumswissenschaften der Universitäten Frankfurt, Mainz und Darmstadt und vernetzt diese mit außeruniversitären Institutionen: dem Freien Deutschen Hochstift und dem im Entstehen begriffenen Deutschen Romantikmuseum, der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung sowie dem MPI für Empirische Ästhetik.

Aktivitäten

Call for Applications

Wasser|Landschaften. Ökologien des Fluiden um 1800

Eine Tagung der RMU-Initiative „Romantische Ökologien

07. – 09. Juli 2022, Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg

Organisation und Konzeption

Prof. Dr. Roland Borgards (GU Frankfurt)

Prof. Dr. Frederike Middelhoff (GU Frankfurt)

Prof. Dr. Barbara Thums (JGU Mainz)

Ausschreibung / Call for Papers

Wo in der historischen Romantik literarische, bildnerische, musikalische oder auch gärtnerische Landschaftsbilder entworfen werden, ist oft auch das Element ‚Wasser‘ zu finden: Seien es die schwungvoll gewundenen Bäche oder kunstvoll arrangierten Teiche und Wasserfälle in Landschaftsgärten; spiegelglatte Küsten- und Seenflächen, die das Sonnen- oder Mondlicht in sommerhellen oder unheimlich illuminierten Farben reflektieren; vom Wind gepeitschte Meeresfluten und Ozeane; klingende Bächlein mit launischen Forellen oder Flüsse wie Rhein, Main, Neckar, Themse, Seine oder Nil, die zur Kahn- und Schifffahrt, zum Imaginieren, Malen und Dichten einladen: Wasserflächen, ‑elemente und -schauspiele sind für ein romantisches Verständnis von ‚Landschaft‘ konstitutiv.

Mit diesen Wasserlandschaften der europäischen Romantik/en – und allgemeiner: der Zeit um 1800 – lässt sich ein (proto-)ökologisches Verständnis von den Wechselwirkungen zwischen anorganischen und organischen Entitäten in lokal definierten Räumen in den Blick nehmen und artikulieren. In der Forschung sind diese Zusammenhänge bislang weitestgehend unberücksichtigt geblieben. Zwar haben die Environmental Humanities die Literatur, Philosophie, Kunst und Wissenschaft um 1800 als zentrale Stichwortgeber eines modernen Umweltbewusstseins und ökologischer Theoreme erkannt. Welche Rolle dem Wasser und damit verbundenen Lebensräumen und Existenzbedingungen zugesprochen werden kann, ist allerdings noch nicht geklärt worden. Das erscheint umso erstaunlicher, als die Diskussion und Imagination zum Stellenwert des Wassers für das Leben und das Lebendige im Allgemeinen, für das Wechsel-, Wachstums- und Transformationsverhältnis von Organismen und Wasser(-Stoff) im Speziellen sowohl in den Naturwissenschaften (der Physik, Geologie und der Naturphilosophie) als auch in den Künsten und Wissenschaften um 1800 durchaus angeregt waren. Als entscheidend kann insbesondere die Erkenntnis gelten, dass sich Leben und Lebensformen im Wasser nicht nur verdichten, sondern gleichzeitig mediale Zugriffe notwendig sind, um diese Interdependenzen und Wechselbezüge überhaupt erst sichtbar zu machen – Andersens Märchen vom Wassertropfen (Dän.: Vanddraaben, 1847) unter dem Vergrößerungsglas führt dies besonders eindrücklich vor Augen.

Darüber hinaus verbinden Wasserlandschaften die in den Künsten ständig miteinander verwobenen Ebenen des Semiotischen und des Materiellen, des Klanglichen und des Laut(sprach)lichen, der literalen und metaphorischen Bedeutungen: In Landschaftsgedichten plätschern, sprudeln, quellen, fluten, fließen, rauschen und wallen nicht nur Wasserflächen und -werke, vielmehr laufen hier verschiedene durch das fluide Element getragene Seins- und Bewegungsweisen diverser Akteur:innen ineinander. Tiere, Pflanzen, Luft, Erde(n), Licht bilden ein durch das Wasser zusammengehaltenes und miteinander in Berührung kommendes Ensemble, dessen Aktivität und Vitalität, ebenso wie eine Vorstellung von Landschaft überhaupt, erst durch das Wasser möglich wird. Zugespitzt formuliert: In der Zeit um 1800 werden epistemologische und ästhetische Formationen entworfen, die an/erkennen, dass ohne Wasser keine Lebensformen und keine Landschaften denk- und darstellbar sind.

Die Tagung erkundet die ökologischen Dimensionen des Fluiden in der Zeit um 1800 ausgehend vom Begriff der ‚Wasser|Landschaften‘. In den Fokus geraten damit ganz unterschiedliche ‚Wasserstätten‘, die von regentragenden Wolken-Formationen über Wasserpfützen und Moorgebieten bis hin zu Flussläufen und Meeresräumen reichen und damit äußerst heterogene ästhetische Programme (u.a. das Erhabene oder den locus amoenus), Gattungen (Idyllen, Fluss- und Seefahrt-Balladen, Gartengedichte, Landschaftsprosa und Landschaftsmalerei-Diskurse, Naturessays usw.), Orte (national und international, phantastisch und realistisch usw.), Zeiten und Stofftraditionen (griechische und germanische Mythologie, Mittelalter) ins Spiel bringen. Grundthese der Tagungsinitiative ist dabei, dass romantische Literaturen und Bilder das Zusammenspiel von (Lebens-)Elementen und Lebewesen um/im Wasser inszenieren, reflektieren und verhandeln.

Wir interessieren uns für Beiträge, die nach den ästhetischen Verfahren und wissensgeschichtlichen Kontexten von Wasser- und/als Lebensräumen in der Zeit um 1800 fragen und diese mit Theorien, Denkfiguren und Darstellungsformen des Ökologischen in Verbindung bringen. Ansatzpunkte und Impulse für diese Beschäftigung lassen sich neben dem Forschungsfeld des Romantic Ecocriticism auch aus dem ‚Hydro-Criticism‘ und den ‚Blue Humanities‘ erwarten. Die europäische und internationale Romantik ist dabei ein wichtiger, wenngleich nicht der einzige Bezugspunkt. Unser Erkenntnisinteresse gilt der Darstellungs- und Denkvielfalt des Ökologischen um 1800 – alle Beitragsvorschläge, die Text, Bild und Diskussionspunkt gewordene Wasser|Landschaften zwischen 1750 und 1850 fokussieren, sind herzlich willkommen.

Wir bitten um Einsendung von Beitragsvorschlägen (max. 500 Wörter) für 25-minütige Vorträge sowie kurze biobibliographischen Angaben bis zum 30.11.2021. Bitte fassen Sie Ihre Bewerbung in einem Dokument zusammen und senden es an alle drei Organisator:innen (borgards@lingua.uni-frankfurt.de; middelhoff@em.uni-frankfurt.de; thums@uni-mainz.de). Die Publikation ausgewählter Beiträge in einem Tagungsband ist vorgesehen. Die Konferenz ist in Präsenz in der Villa Reimers des Forschungskollegs Humanwissenschaften in Bad Homburg geplant, Reise- und Unterbringungskosten können nach Bedarf übernommen werden.

Kontakt

Frederike Middelhoff (W1-Professur für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Romantikforschung)

Goethe-Universität Frankfurt
Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik
Campus Westend // IG-Farben-Haus // Postfach 17

Norbert-Wollheim-Platz 1
60323 Frankfurt am Main

E-Mail: middelhoff@em.uni-frankfurt.de

Website: https://www.uni-frankfurt.de/Middelhoff

Forschungsbibliografie (in Auswahl)

Alaimo, Stacy: The Anthropocene at Sea: Temporality, Paradox, Compression. In: Jon Christensen, Ursula K. Heise, Michelle Niemann (Hg.): Routledge Companion to the Environmental Humanities. New York 2017, S. 153–162.

Böhme, Hartmut (Hg.): Kulturgeschichte des Wassers. Frankfurt am Main 1988.

Böhme, Hartmut: Wolken, Wasser, Stein. Zur Ästhetik der Landschaft, in: semina rerum (1999), S. 1–7.

Briški, Javor und Irna Marija Samide (Hg.): The Meeting of Waters. Fluide Räume in Literatur und Kultur. München 2015.

Bunzel, Wolfgang (Hg.): Romantik an Rhein und Main. Eine Topographie. Darmstadt 2014.

Costlow, Jan, Yrjö Haila, Arja Rosenholm (Hg.): Water in Social Imagination: From Technological Optimism to Contemporary Environmentalism. Ann Arbor 2017.

Cohen, Margaret, Killian Quigley (Hg.): The Aesthetics of the Undersea. London, New York 2019.

Davies, Jeremy: Romantic Ecocriticism: History and Prospects. In: Literature Compass (2018), S. 1–15.

Detering, Heinrich: Der Weiher als Ökosystem. In: Ders.: Holzfrevel und Heilsverlust. Die ökologische Dichtung der Annette von Droste-Hülshoff. Göttingen 2021, S. 46-60.

Goodbody, Axel und Berbeli Wanning (Hg.): Wasser – Kultur – Ökologie. Beiträge zum Wandel mit dem Wasser und zu seiner literarischen Imagination. Göttingen 2008.

Garde-Hansen, Joanne: Media and Water. Communication, Culture and Perception. London, New York, Oxford 2021.

Görner, Rüdiger: „Hörst du das Alphorn überm blauen See?“ Aquafine Zeichen in der Lyrik Anette von Droste-Hülshoffs. In: Jahrbuch des Franz-Michael-Felder Archivs 20 (2019), S. 16–29.

Häusler, Wolfgang: Zwischen Naturwissenschaft, Heiliger Schrift und Historie. Beobachtungen zur Funktion des Wassers im Wer Adalbert Stifters. In: Jahrbuch des Adalbert-Stifter-Instituts 16 (2009), S. 101–114.

Honold, Alexander: Zwischen Wasser und Poesie. Brentanos Stromkreislauf. In: Ulrike Landfester (Hg.): Gabe, Tausch, Verwandlung. Übertragungsökonomien im Werk Clemens Brentanos. Würzburg 2009, S. 127–141.

Jacobs, Mary: Romantic Things: A Tree, a Rock, a Cloud. Chicago 2012.

Jue, Melody: Wild Blue Media. Thinking through Seawater. Durham 2020.

Kramer, Anke: Hydrographie der Zeit. Erlebte Zeit bei Annette von Droste-Hülshoff, Henri Bergson und Johannes Müller. In: ZwischenZeiten. Zur Poetik der Zeitlichkeit in der Literatur der Annette von Droste-Hülshoff und der ‚Biedermeier‘-Epoche. Hannover 2013, S. 189–209.

Kramer, Anke: Elementargeister und die Grenzen des Menschlichen. Agierende Materie in Fouqués Undine. In: Christa Grewe-Volpp und Evi Zemanek (Hg.): Mensch – Maschine – Tier. Entwürfe posthumaner Interaktionen (= Beiheft PhiN 10/2016), S. 104–124. http://web.fu-berlin.de/phin/beiheft10/b10t08.pdf.

Kraß, Andreas: Meerjungfrauen. Geschichten einer unmöglichen Liebe. Frankfurt am Main 2010.

McKusick, James C.: Green Writing: Romanticism and Ecology. Basingstoke 2000.

Pape, Walter (Hg.): Romantische Metaphorik des Fließens. Körper, Seele, Poesie. Tübingen 2007.

Ritson, Katie: The View from the Sea: The Power of a Blue Comparative Literature. In: Humanities 9/3/68 (2020) https://doi.org/10.3390/h9030068.

Ritson, Katie: The Shifting Sands of the North Sea Lowlands. Literary and Historical Imaginaries. London 2018.

Robbins, Nicholas: Ruskin, Whistler, and the Climate of Art in 1884. In: Kelly Freeman Thomas Hughes (Hg.): Ruskin’s Ecologies. Figures of Relation from Modern Painters to the Storm-Cloud. London 2021, S. 203–223.

Robbins, Nicholas. “Ruskin, Whistler, and the Climate of Art in 1884.” In Ruskin’s Ecologies. Figures of Relation from Modern Painters to the Storm-Cloud, ed. Kelly Freeman Thomas Hughes. London 2021, pp. 203–223.

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Digitale Ringvorlesung

Romantische Ökologien

Sommersemester 2021, hier geht es zum Vorlesungsverzeichnis.

Programm

14.04.2021 Frederike Middelhoff (Frankfurt): Durch die Blume gesprochen. Ökologische Phytopoesien der Romantik

21.04.2021 Kate Rigby (Bath, UK): Sympoesie. Romantic Poetry, Environmental Protest, and Co-Creativity (Vortrag in englischer Sprache)

28.04.2021 Sabine Wilke (Seattle, US): Alexander von Humboldts Naturgemälde oder die Dramatisierung von Natur

05.05.2021 Ute Berns (Hamburg): Romantic Accelerations. Samuel Taylor Coleridge, Ecology and Steam-Technology (Vortrag in englischer Sprache)

12.05.2021 Roland Borgards (Frankfurt): „Jch erwachte zu einem süsen Leben im Schoos duftiger Büsche“. Autoökographien bei Karoline von Günderrode

19.05.2021 Heather Sullivan (San Antonio, US): The Dark Green: Plants, Romanticism, and the Early Anthropocene (Vortrag in englischer Sprache)

26.05.2021 Gregor Wedekind (Mainz): In, vor und mit der Natur. Ökologien romantischer Malerei bei Caspar David Friedrich

02.06.2021 Timothy Attanucci (Mainz): Romantische Geologie

09.06.2021 Rainer Emig (Mainz): John Clare – Romantiker und Ecocritic?

16.06.2021 Bernhard Malkmus (Newcastle, GB/Frankfurt): „Vogel als Prophet“ (Robert Schumann). Romantik und die Leiblichkeit der Musik

23.06.2021 Timothy Morton (Houston, US): Close Encounters (Vortrag in englischer Sprache)

30.06.2021 Barbara Thums (Mainz): Methexis. Ökologie und Teilhabe in der Frühromantik

07.07.2021 Evelyn Gius (Darmstadt): Die Natur als Agens. Versuch einer computationellen Betrachtung romantischer Texte

14.07.2021 Christof Mauch (München): Romantische Illusion und Ernüchterung. Umwelt und Geschichte der Niagarafälle