Neoromantik

Tagung: Gespenstische Technologie. Technik- und Medienreflexion in neoromantischen Texten um 1900, Göttingen (23.-25. Juni 2022)

Organisation: Prof. Dr. Stefan Tetzlaff (Göttingen), Dr. Raphael Stübe (Frankfurt am Main)

Das kulturelle Feld um 1900 ist geprägt von einer Medienrevolution (vgl. Garncarz 2006). In Alltag und Wissenskulturen schreiben sich neue Wahrnehmungsformen ein, die häufig im Wechselspiel mit naturwissenschaftlichen oder medizinischen Technologien stehen. Das Kino irritiert subjektive Wahrnehmungsmuster, Röntgenbilder und photographische Reproduktionen verschieben den Grundimpuls visueller Kultur vom ‚Abbilden des Bekannten‘ zum ‚Sichtbarmachen des Unbekannten‘. Phonographen und Fernsprecher erschließen zusätzlich neue Vermittlungstechniken, die eine vom 19. Jahrhundert geprägte Dominanz des Visuellen nachdrücklich transformieren. Aus der Perspektive eines weiten Medienbegriffs (vgl. Maye 2010) betreffen diese Umwälzungen weitere Bereiche: Eine gesteigerte Mobilität (z.B. 

durch das Automobil) verlagert Sehnsuchtsorte und Fremdheitskonzepte an andere, vermeintlich abgelegenere Orte (Orient, Afrika, Weltall); und Erkenntnisse zur Physiologie menschlicher Wahrnehmung (Ernst Mach

u.a.) provozieren eine Subjekt- und Sprachkrise, die sich erst auf Grundlage einer revolutionär veränderten Medialität ästhetisch entfaltet. Kurzum: Die Wahrnehmungskultur, wie sie zu Beginn des 19. 

Jahrhunderts hervorgebracht wurde (Crary 1996; Lauster 2007), befindet sich in den Jahrzehnten um 1900 krisenhaft auf dem Prüfstand.

Gerade in diese Zeit fällt ein kulturhistorisches Phänomen, das zumeist als epigonal verworfen wurde (vgl. Viering 2007): Die Neoromantik der Jahrhundertwende reaktiviert romantische Erzählverfahren, was sich auch in der Wiederauflage unzähliger romantischer Autorinnen und Autoren (bes. Novalis), vor allem aber in einer jungen Literatur der ‚Moderne‘ zeigt, die ausdrücklich auf romantische Topoi und Darstellungsstrategien zurückgreift (H. Bahr, M. 

Maeterlinck, R. Huch u.a.). Führt man beide Diagnosen zusammen, zeigt sich eine erstaunliche Affinität dieser Neoromantik zu technologischen

Innovationen: Multimediale Experimente finden um 1900 vor allem im neoromantischen Drama statt (z.B. Hofmannsthals Ballette, Vollmoellers Pantomimen); Gespenster und Doppelgänger werden im frühen Film mit neuem ontologischen Status versehen (z.B. Ewers’ Der Student von Prag); und auch in der Prosa werden Märchenprinzen mit elektrischen Bohrmaschinen bearbeitet oder unternehmen Taugenichts-Bildungsreisen mit dem Automobil (beides O.J. Bierbaum). Ob Goethes Stimme durch einen künstlichen Kehlkopf am Phonographen zurückgewonnen wird

(Mynona) oder Paul Scheerbart ein unwahrscheinliches Perpetuum Mobile

konstruiert: Der erzählten Handhabung von Medientechnologie wird in neoromantischen Texten stets auch die Frage nach deren anthropologischer Dimension zur Seite gestellt. Neue Möglichkeiten der Wahrnehmung provozieren eine neue Romantik, so lautet die Ausgangsbeobachtung, die in ihrer ästhetischen Strategie nicht nur technikaffin, sondern zugleich technikreflexiv auftritt.

Damit zeichnet sich eine Wendung ab, die sich bei aller Medienumwälzung im ‚Jahrhundert des Auges‘ (Becker 2010) zuvor nicht

findet: Technologie und Medialität entwickeln eine eigene selbstreflexive Ebene. Zeitgleich mit neoromantischen Texten, Filmen und bildender Kunst entstehen Technikhistoriographie und Technikphilosophie (vgl. Maye/Scholz 2015). Initiativ steht dafür das erst jüngst wiederentdeckte Werk Ernst Kapps (vgl. Maye/Scholz 2019), dessen Fragestellung nach epistemologischen und anthropologischen Dimensionen technischer Medien sich Philosophie und Kulturwissenschaften um 1900 vermehrt anschließen. Als bislang unterschätztes multimediales und medienreflexives Phänomen prägt sich Neoromantik damit in Film, Buchkunst, Illustration, Theater und Literatur aus, um analog zu einer ‚Poesie der Poesie‘ (F. Schlegel) als ‚Medium des Mediums‘ aufzutreten.

Die Tagung fragt danach, inwiefern Neoromantik ästhetische Modellierungen der Romantik aktualisiert und modifiziert, um damit innovative Medientechnologien der Jahrhundertwende aufzugreifen und ästhetisch zu reflektieren. Das Ziel liegt in der Erschließung eines bisher kaum kartographierten Korpus von Texten, Filmen, Bildern und Formen, die sich nicht medienabgewandt oder medienkritisch positionieren, sondern medientechnologische Innovation als positive epistemische Öffnung auffassen und deren anthropologische Implikationen erforschen.

Buchprojekt von Dr. Raphael Stübe (Frankfurt am Main)

Neoromantik der Jahrhundertwende. Transformation eines romantischen Erzählmodells in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1890 und 1910

Abstract:

Es lässt sich nicht leugnen: In der Literatur der Jahrhundertwende entwickelt sich ein reges, neuartiges Interesse an dem Romantischen. 

Gerade junge Autorinnen und Autoren experimentieren um 1900 mit Märchenstoffen und den brüchigen Textstrategien einer literarischen Romantik, sodass sich ein ›neoromantisches‹ Schreiben für wenige Jahre als ein regelrechter Modetrend etabliert. Wie aber lässt sich eine solche Neoromantik der Jahrhundertwende analytisch greifen, die in den literarischen Zeitschriften um 1900 noch angeregt diskutiert wird, um nur wenige Jahre später – und bis in die aktuelle Forschung hinein – vorrangig als diffamierendes Schlagwort verwendet zu werden?

Die Arbeit schlägt eine zweiteilige Differenzierung vor: Zum einen kann die zeitgenössische „Neuromantik“ als ein literarischer Diskurs beschrieben werden, der sich mit Maurice Maeterlinck und Hermann Bahr um 1890 international ausbreitet und schließlich um das Jahr 1910 an Attraktivität verliert. Zum anderen lässt sich Neoromantik aber auch als eine Erzählstrategie analysieren, mit der sich literarische Texte ein ›romantisches‹ Schreiben aneignen und um neuartige, spezifisch ›moderne‹ Elemente aktualisieren. Was also ist das ›Neue‹ an der Neoromantik und was macht es für eine junge Moderne der Jahrhundertwende so attraktiv? Mithilfe eines Modells von Romantik können die Aktualisierungen romantischen Schreibens in den Frühwerken von Heinrich Mann, Hanns Heinz Ewers und Hermann Hesse nachverfolgt werden, wobei eine gemeinsame Problemkonstellation zwischen Romantik und Jahrhundertwende auch mit Blick auf Einzeltexte von Jens Peter Jacobsen, Ricarda Huch und Hugo von Hofmannsthal diskutiert wird.